Nr. 60 April - Mai 09

Jugend und Politik: Systemkritik ist Stylekritik

Die heutige Jugendgeneration positioniert sich selbstbewusst als eine Generation „Politik – nein danke“: Politik spielt im Freundeskreis der meisten jungen Menschen keine Rolle. Sie konzentrieren sich vielmehr auf ihre eigene kleine Welt und sehen zu, dass es ihnen dabei gut geht.

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Die JugendforscherInnen wissen es schon länger, dass Politik bei Jugendlichen ein beklemmend schlechtes Image hat. Die Begriffe, die Jugendliche mit dem gesellschaftlichen Leistungsbereich Politik verbinden, sind negativ. Die fünf stärksten Assoziationen zu Politik sind, wie der repräsentative Jugendradar im 4. Bericht zur Lage der Jugend in Österreich (BMSG 2003) zeigt, „Misstrauen“, „Frustration“, „Oberflächlichkeit“, „Egoismus“ bzw. „Eigennutz“ und „Pflicht“. Qualitative Forschungsbefunde, die die Meinung und Einschätzung Jugendlicher zur Politik im O-Ton einfangen, bestätigen dieses Ergebnis: „Die österreichische Politik ist zum Schmeißen. Unfähige Politiker. Alles Deppen …“ – so denken bzw. sprechen österreichische Jugendliche über Politik.

Die heutige Jugendgeneration positioniert sich in Vielem ganz selbstbewusst als eine Generation „Politik – nein danke“: 3 von 4 Jugendlichen sagen, Politik spielt in meinem Freundeskreis keine Rolle und rund jede/r Zweite meint: „Welche Partei gerade an der Regierung ist, hat auf mein Leben nicht den geringsten Einfluss.“ (Untersuchung Gfk Austria, 2007) So konzentrieren sie sich eben auf ihre eigene kleine Welt und sehen zu, dass es ihnen selbst gut geht. Rund 70 Prozent der Jugendlichen sagen „Die einzige Möglichkeit das Leben zu ertragen, ist es zu genießen“ (Institut für Jugendkulturforschung 2005) – ein Befund, der die Jugendforscherin doch ein klein wenig nachdenklich stimmt.

Verwundern sollte er freilich nicht: Der Arbeitsmarkt ist eng. Die Erwerbsarbeitswelt befindet sich in Umbruch. Junge Menschen erreichen zwar immer höhere Bildungsabschlüsse, ihre Bildungstitel sind aber immer weniger wert. Bildung ist heute ein Muss, aber keine Garantie mehr für einen langfristig sicheren Arbeitsplatz. Zudem ist der Leistungsdruck enorm: „Oft möchte ich nur mehr raus, alles liegen lassen und nur mehr weg. Mindestens einmal die Woche wächst mir alles über den Kopf“, sagt Theresa. Sie ist 17, geht noch zur Schule und sieht sich selbst trotzdem schon als festen Bestandteil einer Gesellschaft, in der immer breitere Schichten vom Burn-out bedroht sind. Sie weiß nur zu gut, wie es sich anfühlt, zu rennen wie ein Hamster im Rad und doch niemals fertig zu werden. Sie sieht an ihren Eltern, was es bedeutet, ständig unter Druck zu stehen, nichts überlegt und mit Muße machen können, keine Zeit zu haben für Beziehungspflege, diejenigen Leute, die einem wirklich wichtig sind, etc. 

Das ist die Welt, in der die heutige Jugend heranwächst. Nur zu verständlich, dass sie darauf reagiert – und zwar, wie die Jugendforschung zeigt, einerseits mit diversen Kompensationsstrategien (Party-Machen, hedonistische Attitüden, Faszination am punktuellen Exzess) und andererseits mit einer offen ausgesprochenen Sehnsucht nach festen, stabilen und vor allem auch harmonischen Sozialbeziehungen. Gute verlässliche Freunde und Freundinnen, ein harmonisches Familienleben und eine vertrauensvolle Langzeit-Paarbeziehung – das wünschen sich Jugendliche für ihr persönliches Leben, was ihnen nicht selten das Etikett des Neo-Konservativismus einträgt. Diejenigen, die so argumentieren, übersehen freilich, dass eine projektive Fixierung auf harmonische und stabile Beziehungen und das sich darin manifestierende Prinzip hohen persönlichen Vertrauens nichts anderes als die logische Konsequenz eines Verlusts an Systemvertrauen bei Jugendlichen ist.

Die Generation „Politik – nein danke“ ist demnach nicht eine an gesellschaftspolitischen Themen grundsätzlich desinteressierte und sozial abgestumpfte Generation. Nein, sie ist vielmehr eine Generation, die an Politik als gesellschaftliche Leistungssphäre nicht mehr wirklich glaubt.

DOCH WARUM IST DAS SO?

Zum einen mangelt es der Institutionenpolitik an Alltagsbezug bzw. wird der Alltagsbezug nicht angemessen kommuniziert. Konkret heißt das, dass all das, was sich auf der großen politischen Bühne abspielt, von den Jugendlichen an den persönlichen Alltag kaum anschlussfähig erlebt wird (ebenso ist Jugendpolitik häufig allzu weit weg von den Alltagsinteressen, Bedürfnissen und Problemen derer, die sie zu erreichen versucht, um politikskeptische junge Menschen nachhaltig für Politik interessieren zu können).

Zum anderen ist Politik eine enorm komplexe Materie, die der Vermittlung bedarf. Diejenigen, die gängiger Weise Politik vermitteln, sind nun aber nicht gerade die, denen die Jugendlichen besonders vertrauen, und sie sind in der Regel auch nicht die, denen Street-Credibility attestiert wird. Street-Credibility ist aber ein wichtiger Faktor, damit das zu Vermittelnde von den Jugendlichen akzeptiert wird.

Drittens schließlich wirken die PolitikerInnen, wie man weiß, wenig glaubwürdig auf Jugendliche. Die meisten gelten darüber hinaus als „echt uncool“. Dass PolitikerInnen niemals so „cool“ wie Popstars sein können und das auch nicht sein sollen, ist klar. Aber ein klein wenig an „Coolness“ zulegen könnten sie schon. Sie müssten – zumindest im Umgang mit bzw. Zugehen auf Jugendliche zumindest ein bisschen „cooler“ werden – allerdings nicht in einem oberflächlichen Sinne, sondern so, wie Jugendliche „cool Sein“ verstehen. (...)

MOTIVATION DER GENERATION „POLITIK NEIN-DANKE"

Zum einen gibt es da die große Gruppe der Politik-Distanzierten. In dieser Gruppe beobachten wir zwei Grundmentalitäten: die Anspruchsvoll-Kritischen und die Selbstbewusst-Desinteressierten. Die Anspruchsvoll-Kritischen denken wie Jan, 16: „Alles nur Bullshit, was da rauskommt: die ganzen Leute, die Politiker ... Wenn ich mir die Nachrichten reinziehe, sehe ich den ganzen Tag nur Scheiße... Die Selbstbewusst-Desinteressierten halten es mit Sandra, 18, und meinen: „Politik interessiert mich eigentlich nicht. Ich kann mich vielleicht später mit der Politik befassen, wenn ich mein Leben auf die Reihe gekriegt habe – aber vorher interessiert’s mich nicht.

Und dann ist da noch die (vergleichsweise kleinere) Gruppe der Politik-Interessierten: In diesem Segment sehen wir einerseits traditionell politisch sozialisierte Jugendliche; das sind beispielsweise Jugendliche, die sich in einer politischen Jugendorganisation (im Rahmen der von Erwachsenen formierten politischen Ordnung bzw. der von Erwachsenen bereiteten politischen Strukturen) engagieren. Wir sehen hier aber auch Jugendliche und junge Erwachsen, die sich in post-traditioneller Art und Weise mit Gesellschaft und Politik auseinandersetzen – und zwar sowohl links wie auch rechts der Mitte. Diese Jugendlichen und jungen Erwachsenen haben eine klare politische Orientierung, doch diese ist im Vergleich zu den traditionell politisch Sozialisierten weniger stark weltanschaulich-ideologisch verankert, sondern hat sehr viel mit Bauchgefühl und vor allem auch mit Lifestyle zu tun. (...)

Insbesondere die post-traditionellen Lifestyle-Linken werden immer wieder als das junge Kern(wählerInnen)segment der Grünen in die Diskussion gebracht. Für sie gilt: Rebellische Gesten sind „hip“, dagegen sein ist Zeitgeist, Anti-Haltung ist „in“. Doch diese resultiert meist nicht aus einer ideologisch gefestigten Position. „Her mit dem schönen Leben“ – der Slogan bringt das Lebensgefühl dieser jungen Leute auf den Punkt. Und dieses Lebensgefühl wird mit allerlei Lifestyleaccessoires, Lifestylepraxen und Attitüden – angefangen beim Tragen von „Converse“-Turnschuhen über demonstrativen Konsum von „Fair-Trade“-Fruchtsäften bis hin zum Besuch von FM4-Events – in einen passenden Rahmen („Frame“) gestellt. Bei diesem „Her mit dem schönen Leben“, das post-traditionelle Lifestyle-Linke propagieren, geht es nicht mehr um das einfache, unverfälschte Leben, das so mancher Aktivist und so manche Aktivistin der 1970er und 1980er im Kopf hatte, wenn Entfremdung vom Dasein Thema war. Hier geht es nicht um Aushebung des Widerspruchs von Hand- und Kopfarbeit, hier geht es nicht um Zuckerrohrschneiden und ein Leben ohne Kühlschrank und ohne Internet.

LEBENSFREUDE TROTZ SYSTEMKRITIK

Hier geht es vielmehr um ein stimmiges „So-Sein“, um Lebensfreude trotz aller Systemkritik – vielleicht auch um demonstrative Lebensfreude aufgrund von Kritik am bzw. Distanz gegenüber dem System. Klassentheoretische Positionen stehen hier meist ebenso wenig im Vordergrund wie theoretisch gut begründete Argumente. Man will sein eigenes Ding machen, es gut machen, Spaß daran haben und sich dabei subjektiv stimmig fühlen.

Jugendliche wachsen in einer marktorientierten Welt auf. Sie haben gelernt bedürfnisorientiert auszuwählen bzw. all jene Angebote, Produkte und Services zu verweigern, die nicht ausreichend glaubwürdig machen können, dass sie für diejenigen, die sie wählen, wirklich einen Nutzen bringen bzw. dass sie auf deren Interessen und Bedürfnisse abgestimmt sind. Jugendpolitik kann und wird demnach nur dann erfolgreich sein, wenn es ihr gelingt den Zeitgeist, vorherrschende Stimmungen, Meinungen, Bedürfnisse, aber auch Wünsche und Projektionen in den Angeboten, die sie Jugendlichen macht, einzufangen, zu kanalisieren und alltagsnah auf den Punkt zu bringen...

 

DIE AUTORIN

Beate Großegger gilt über die Grenzen Österreichs als Expertin für junge Lebenswelten. Sie ist wissenschaftliche Leiterin und stellvertretende Vorsitzende des Instituts für Jugendkulturforschung in Wien. – jugendkultur.at. Sie lehrt auch an zahlreichen Universitäten.

Die Langversion des Textes ist erschienen im Buch „Neue Macht durch neue Medien – Die Zukunft der politischen Kommunikation“, planetVERLAG 2008. Bestellungen des Buches unter www.planet-verlag.at

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von BEATE GROSSEGGER