Die grünen Friedenstauben tragen einen Stahlhelm. Kann man gegen Krieg und für Aufrüstung sein?
Von René Freund
In letzter Zeit wundere ich mich oft darüber, wie sehr die Grünen gehasst werden, in Österreich, noch mehr vielleicht in Deutschland. Diese Abneigung erscheint mir ziemlich irrational, denn die Partei, die in beiden Regierungen für positive Veränderungen gesorgt hat, waren die Grünen. Bleiben wir in Österreich: Dass das Team um Werner Kogler an der Seite einer übermächtigen ÖVP nicht nur überlebt, sondern auch zahlreiche Reformen und tolle Projekte auf den Weg gebracht hat, grenzt an ein Wunder. Im Prinzip wäre das der Stoff für ein antikes Heldenepos, Werner als Herkules, Eleonore als Diana, Alma als Justitia und Johannes als Asklepius.
Manche werden jetzt einwenden, dass Heldenepos ziemlich kriegerisch klingt, womit wir beim nächsten Thema wären: Die Grünen werden nämlich in diversen Hasspostings nicht nur als „Klimakommunisten“ bezeichnet, sondern auch als „Kriegstreiber“. Wo sind die Zeiten geblieben, als alle Grünen Sandalen trugen, Vollkornbrot aßen und fest daran glaubten, dass man Konflikte am besten mit Gesprächen und Umarmungen löst? Heute tragen sie Anzüge, essen vermutlich immer noch Vollkornbrot, aber ihre Umarmungen gelten Panzern und Munitionslieferungen. So jedenfalls lautet der Vorwurf gegen grüne Realpolitik, und tatsächlich sind wir Pazifist:innen in ein Dilemma geraten. Wir wissen, dass Waffen niemals fair und bio sind, aber: Wie können wir uns gegen Aggressoren wehren, wenn wir keine ernstzunehmende Armee haben? Wie kann man die Souveränität der Ukraine ohne Waffen verteidigen? Der Widerspruch könnte nicht größer sein: Eine Partei, die traditionell Gewalt ablehnt, verteidigt nun die Unterstützung eines Landes, das um seine Existenz kämpft. Es ist, als würde ein Vegetarier plötzlich einen Grillkurs leiten.
Wie konnte das passieren? Ich fürchte, die Realität ist uns dazwischengekommen. Vor vierzig Jahren war ich überzeugter Zivildiener, heute bin ich Pazifist mit Bauchweh. Ich fürchte, wir müssen Europa auch militärisch wieder so stark machen, dass wir unsere Werte und die Demokratie verteidigen können. Manchmal bedeutet Frieden, Farbe zu bekennen. Auch wenn es richtig schmerzt, dass sich in die Farbe Grün ein wenig Stahlgrau mischt.
René Freund lebt als Schriftsteller im südlichen Oberösterreich. www.renefreund.com
