Es gibt heftigen Gegenwind beim Neubau von Windkraftanlagen.
Warum eigentlich?
von René Freund, aus der Print-Ausgabe #127
Mit Windrädern verhält es sich so ähnlich wie mit Einsparungen beim Budget: Alle finden sie wichtig und richtig – aber bitte nicht bei uns. Der österreichische Föderalismus trägt einiges zur Verwirrung bei: In Tirol will man gar keine Windräder, weil Tirol ja schön ist. Und zum Verschandeln der Landschaft hat man ohnehin genügend Skigebiete gebaut. In Kärnten hat man die Bevölkerung mit einer ziemlich tendenziösen Formulierung befragt, es gab eine knappe Mehrheit gegen Windenergie. Und bei uns in Oberösterreich? Findet man auch eher, dass Windräder ins Burgenland und ins östliche Niederösterreich gehören, dort stören sie uns ja nicht.
Dabei sind die nüchternen Zahlen ziemlich beeindruckend: Dänemark etwa deckt nahezu 60 % seines Strombedarfs aus Windenergie, Schweden, Deutschland und Großbritannien ein Drittel. Schön, wenn wir bundesweit auch soweit kommen könnten. Auch wenn man – zugegeben – die Alpen nicht mit der Nordsee vergleichen kann.
Kommen wir zum traurigsten Nachteil der Windräder. Ja, sie töten Vögel und Fledermäuse. Die weitaus größeren Gefahren für unsere fliegenden Freunde sind allerdings Glasfronten und Hauskatzen. Und natürlich die Klimaerhitzung – die man dank Windkraft mildern könnte.
Veränderungen stoßen selten auf spontane Gegenliebe, etwa Fußgängerzonen und Tempolimits, und doch gewöhnen sich die meisten gerne an sie. Vielleicht kommen wir einmal dahin, Windräder mit einem anderen Blick zu betrachten. Ein Windrad hat immerhin Charakter. Es sagt: Hier ist Fortschritt, hier wohnen Visionäre (oder zumindest Leute, die nichts dagegen tun konnten).
Der größte Vorteil von Windrädern ist: Sie gehören uns. Niemand kann sie uns „abdrehen“, sie stehen fest im Feld, trotzen Schnee, Regen und – mit Glück – auch Gemeinderatsbeschlüssen. Im Gegensatz zu russischem Gas oder saudischem Öl kann keine Großmacht nachts vorbeischleichen und heimlich den Rotor abschrauben. Wer ein Windrad hat, hat Strom.
In Wahrheit drehen sich die Windräder gegen unser aller Trägheit: Sie rütteln an Gewohnheiten und verschieben die Optik, damit sich am Klima was dreht. Die Alternativen? Weiter warten – oder eben ein bisschen frischen Wind im Kopf riskieren.
René Freund lebt als Schriftsteller im südlichen Oberösterreich. www.renefreund.com
