26. Jänner 2026

Ich will canceln!

Achtung, Triggerwarnung: Weihnachten in der Großfamilie

Von René Freund

Meine Frau hat zwei erwachsene Kinder aus erster Ehe, ich ebenso. Manche dieser Kinder haben Partnerinnen oder Partner, und wenn spätestens am Stefanitag alle zum gemeinsamen Essen kommen, ist ein gewisses Chaos programmiert. Es beginnt mit den An- und Abreiseplänen, denn eine Patchworkfamilie definiert sich dadurch, dass es andere Mamas und Papas gibt, die ebenfalls Patchworkfamilien-Weihnachten feiern wollen.  

Da wir nicht unbedingt zentral wohnen, reisen einige mit dem Zug an, andere mit dem Kleinwagen, die dritten mit dem SUV, aber das soll unkommentiert bleiben. Die Demonstration moralischer Überlegenheit muss auf die Zeit nach Weihnachten verschoben werden! Die Spaltung der Gesellschaft verläuft ja mitten durch die Familien, und deshalb gebe ich für mich und meine Frau die Devise aus, dass gewisse Themen vermieden werden müssen, dass zum Beispiel Jesus und sein Geburtsort keinesfalls erwähnt werden dürfen. Warum? Weil Nazareth zwischen dem Libanon und dem Westjordanland liegt, und thematisch sind wir dann schon bei Gaza, und ich will nicht über Free Palestine sprechen, und auch nicht über Trumps Friedensnobelpreis. Ich möchte außerdem Diskussionen über Putin, Orban und Kickl vermeiden. Niemand soll mir die Co2-Bilanz eines Elektroautos vorrechnen, und auch die Themen Gendern und nicht-binäre Identitäten sind tabu. Meine Frau stellt fest: „Aha, du willst also alle Diskussionen canceln?“ Will ich natürlich nicht, aber zu Weihnachten irgendwie schon.   

Die Sache mit dem Essen ist ja schon schwierig genug. Früher hat man es auf die leichte Schulter genommen, da gab es Bratwürsteln mit Sauerkraut. Heute gilt es, Veganer und Vegetarierinnen zu berücksichtigen, die sich zwar durchaus tolerant zeigen, da sie ein totes Tier in Würstelform auf dem Tisch akzeptieren würden, sofern es biologisch und regional ist. In den veganen Würsteln ist allerdings Gluten enthalten, und wir haben auch eine Glutenunverträglichkeit dabei, und eigentlich soll niemand diskriminiert werden! Die Speisung der Fünftausend damals am See Genezareth war ein Kinderspiel gegen unser Weihnachtsessen. Aber Achtung, Triggerwarnung: Nur ja nicht Jesus erwähnen! Nicht zu Weihnachten.  

 

René Freund arbeitet als Schriftsteller im südlichen Oberösterreich. Sein turbulenter Roman „Swinging Bells“ (Goldmann Verlag) spielt zu Weihnachten.  

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