Von René Freund, aus der Print-Ausgabe #129
Meine Tochter war mit siebzehn Anhängerin von Fridays For Future. Sie hörte auf, Fleisch zu essen, und wenn sie mit ihren Mitstreiterinnen ans Meer fuhr oder eine Städtereise machte, nahmen sie den Zug oder den Flixbus. Das war manchmal mühsam, aber selbstverständlich. Heute, sechs Jahre später, besucht die einstige Klima-Aktivistin eine Freundin in Brüssel. Und zwar mit dem Flugzeug. Gern macht sie es nicht, aber das Flugticket kostet eben nicht mehr als ein Nudelgericht im Bahnhofsbistro.
Wenn ich heute mit jungen Leuten rede, höre ich oft denselben Seufzer: „Wir haben alles versucht, aber die da oben drehen die Zeit zurück.“ Klimagesetze werden gelockert wie ein zu enger Gürtel nach dem Weihnachtsbraten. Und dann erfahre ich noch: Ausgerechnet der Ölkonzern BP (Jahresumsatz 2025: fast 200 Milliarden Dollar) hat den persönlichen CO₂-Fußabdruck populär gemacht – ein genialer Trick, der uns weismachen soll, die Klimakrise entstünde vor allem durch meine Waschmaschine und deinen Toaster, nicht durch ihre Bohrinseln. Verständlich, dass angesichts der vielen Rückschritte auch wohlwollende Menschen die große Aufgabe aufgegeben haben, unter dem Motto: Nicht meine Schuld, dass der Flug nach Brüssel einen Bruchteil vom Zugticket kostet.
Freunde aus meiner Generation, die einst einen wilden Streit um Tempo 100 mit einem überzeugt schnellfahrenden SUV-Besitzer ausfochten, fliegen heuer zur Kirschblüte nach Japan. Warum tun auch die Wohlmeinenden jetzt so, als wäre alles verloren? Während die USA Klimaabkommen wie lästige Newsletter abbestellen und die EU am Green Deal herumschnipselt, als ginge es nur um kosmetische Korrekturen, verschiebt man das Aus für Verbrenner auf den Sankt-Nimmerleinstag. Und wir? Wir geißeln uns als moderne Büßer, indem wir tapfer mit der Deutschen Bahn fahren und mit zwei Stunden Verspätung unser Mantra wiederholen: „Es ist für die Umwelt. Es ist für die Umwelt …“
Und trotzdem: Ganz verloren ist es noch nicht. Es lohnt sich immer, weiterzumachen – notfalls pflanzen wir halt, ganz lutherisch, noch ein Apfelbäumchen. Vielleicht rettet es nicht die Welt. Aber es verhindert, dass wir selbst rettungslos verlorengehen.
René Freund lebt als Schriftsteller im Almtal. www.renefreund.com
