30. März 2026

Hoffnungslos?

In Zeiten der Krisen und Kriege haben viele Menschen das Gefühl, Hoffnung wäre fehl am Platz. Ich sehe das anders. Gegen alle Widrigkeiten sollten wir uns auf die Zukunft freuen. Denn wenn wir uns nicht auf sie freuen, wird sie trotzdem unsere Zukunft sein. Ein Plädoyer für mehr Optimismus.

Von Stefan Kaineder, aus der Print-Ausgabe #129

„Komm herein, die Nachbarn sind sicher gleich da“, sagt Thomas und lächelt. Die Sonne scheint, für einen Februartag ist es ungewöhnlich warm und angenehm. Das Garagentor ist offen, im Inneren ist sauber geputzt und auf einem Biertisch stehen Kuchen und Getränke bereit. Aus einem Schrank rechts hinten kommt ein leises Surren. Es ist Zeichen dafür, dass die PV-Anlagen viel Strom liefern, der Batteriespeicher voll ist und Wasserstoff produziert werden kann. Das ist die große Besonderheit an der Energiegemeinschaft in Gampern, die schon etliche Preise für ihr Konzept gewonnen hat. Energieversorgung für alle, vom eigenen Dach, Tag und Nacht.

Doch unser Alltag ist oft brutaler. Wer morgens aufsteht und Nachrichten konsumiert, ist schnell frustriert. Die Welt scheint aus den Fugen. Und manchmal wirkt es auf uns, als sei es unmöglich, sie wieder ins Lot zu rücken. Zu erdrückend sind die Nachrichten über Krieg und Umweltzerstörung. Zu übermächtig scheinen die Männer, die unanständige Reichtümer an sich reißen, Demokratie und Freiheit verachten.

Doch wer den Blick vom Smartphone hebt und in die Wirklichkeit hinausblickt, sieht auch gute Nachrichten. Und zwar fast überall. Von erneuerbaren Energiegemeinschaften, den ungebrochen hohen Installationen von neuen PV-Anlagen, den steigenden Zulassungszahlen bei Elektroautos und der Umrüstung der Industrie auf erneuerbare Produktion.

Strompreise, die schon Ende Februar (!) zur Mittagszeit gegen 0 Cent tendieren. Erneuerbare Energien sind ein Geschäft geworden und der Umbau ist in vollem Gange.

 

Grüne Lichtblicke

Und auch politisch gibt es Lichtblicke. In New York wurde Zohran Mamdani Bürgermeister. In Baden-Württemberg hat Cem Özdemir die Wahl gewonnen und wird in einem konservativen Industriebundesland der erste Ministerpräsident mit türkischen Wurzeln sein. Die europäischen Staaten rücken zusammen: Die Zustimmung zur EU steigt in allen Mitgliedsländern. Überhaupt ist das europäische Projekt so begehrt wie noch nie, beinahe ein Dutzend Länder wollen Mitglied werden. Kooperation, Wertschätzung und gegenseitige Hilfe sind wichtiger denn je. Und sie werden täglich geübt, von der Nachbarschaft bis zum Staatenbund der EU.

 

In Gampern kommt nach und nach die Nachbarschaft zusammen. Die Begrüßung ist wohlwollend und warmherzig. Man spürt sofort, dass die Menschen einander schätzen und mögen. Während Thomas die Anlage erklärt, hat er durchgängig ein Lächeln im Gesicht. Er ist sichtlich stolz darauf, dass sich die Nachbarschaft unabhängig gemacht hat und mit Sonnenstrom versorgt. Am Weg nach Hause lässt mich ein Gedanke nicht mehr los: Das Inspirierende an der Energiegemeinschaft in Gampern ist nicht die Technik, sondern der sorgsame Umgang der Menschen miteinander. Das macht Hoffnung.

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